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Eva Borsdorf – Licht-Schatten-Projektionen

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Mit Tusche und weißem Papier geht Eva Borsdorf in die Natur, setzt sich unter einen Laubbaum oder Strauch, und überlässt der Natur die Choreografie. Ihre Hand hält genau fest, was sich auf dem Blatt Papier ereignet: Sonnenlicht, das durch einen Baum oder Strauch fällt, hinterlässt seine Spuren als helle Flecken und bildet Schattenzonen dort aus, wo Blätter, Äste und Zweige die direkte Strahlung verhindern. Wie ein Bildgenerator wirft die Sonne stets neue Licht-Schatten-Projektionen auf das Papier, die Eva Borsdorf mit ihren bildnerischen Mitteln einfängt. Tag und die Dauer der Herstellungszeit sowie der jeweilige Baum (Nadel-, Laubbaum oder Strauch) werden im Bildtitel festgehalten und somit Veränderungen in einem zeitlich befristeten Verlauf dokumentiert - wie bei naturwissenschaftlichen Forschungsprojekten. Die Künstlerin muss schnell sein, um festzuhalten, was sich schon längst wieder (aufgrund der Erddrehung) in Bewegung befindet. Im Fluss der ständigen Veränderung von Lichtreflexen und Schattenverläufen wird der gegenwärtige Moment schnell zur Vergangenheit.

Dieses Nebeneinander von Vergangenem und Gegenwärtigem hinterlässt Spuren auf dem Papier - entsprechend dem Lauf der Sonne und den Wetterverhältnissen, z.B. der Intensität des Windes. Die Tusche verdichtet sich dort, wo sich Schattenfelder verschoben haben. Dadurch überlagern sich einzelne Farbschichten, suggerieren räumliche Tiefe. Immer und immer wieder andersartige schwebend-leichte oder fließende Licht- und Schattenspiele überziehen die einzelnen Blätter. Über die Ränder des Blattes hinweg scheinen sie sich weiter auszudehnen, wodurch jedes einzelne Bild Teil eines Kontinuums ständiger Veränderungen in Analogie zu Wachstumsprozessen in der Natur ist.

Zu denken ist an amorphe Gebilde oder an Einzeller, die sich in einer Art Kettenreaktion unentwegt teilen und fortwährend ausdehnen. Auf der Suche nach strukturellen Verwandtschaften stellen sich beim Betrachten der Tuschearbeiten verschiedene Assoziationen ein: vorbeiziehende Wolken am Himmel oder sich spiegelnde Wolken im Wasser, Sonnenreflexe auf  einem See oder der Blick in einen klaren, steinigen Gebirgsbach, an Regentropfen oder  blubbernde Flüssigkeiten. Diese bildhaften Bezüge zeigen, dass es formähnliche Prinzipien in der Natur gibt. Aber es geht Eva Borsdorf mit ihren Bildern nicht nur um das Auslösen solcher Beobachtungen sondern vor allem um die Sensibilisierung der Wahrnehmung für immerwährende Prozesse der Veränderung, Flüchtigkeit und Vergänglichkeit.

„Das Vergänglichste aller Dinge, ein Schatten, das sprichwörtliche Sinnbild für alles, was flüchtig und vergänglich ist, kann durch das Medium Fotografie gebannt und für immer festgehalten werden in der Stellung, die ihm nur für einen kurzen Augenblick bestimmt zu sein schien“ (Wolfgang Kemp, „Theorie der Fotografie“). Warum hält Eva Borsdorf ihre Licht-Schatten-Studien nicht mit dem Fotoapparat fest, könnte man in diesem Zusammenhang fragen? Dann wäre der Schatten, diese veränderliche Erscheinung einer an sich lichtlosen Fläche, nicht in seiner Wandelbarkeit erfahrbar. In ihren Arbeiten hält sie das reale Schattenspiel fest, wobei die Farbe bzw. Tusche als Funktion des Lichts verstanden, lichthaltig, nuancenreich changierend und raumbildend eingesetzt ist. Man könnte auch sagen, dass sich der Schatten vom schattenwerfenden Objekt (also dem Baum mit seinen Ästen und Blättern), emanzipiert und sich verwandelt hat. Er erinnert zugleich an Wasser oder an Gesteinsformationen. Auf diese Weise wird dem Schatten seine Flüchtigkeit genommen und ihm Zeit eingeschrieben. Eva Borsdorf will nicht den Augenblick einfrieren, wie in der Fotografie, sondern verrinnende Zeit bildlich vergegenwärtigen. Bilder steten Fließens. Vom Wind bewegte Äste. Lichtinseln scheinen wolkenleicht im Bildraum zu schweben.
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In der Natur und mit der Natur eine Art malerische Spurensicherung in einer Vielzahl von Blättern zu betreiben, in denen Naturabläufe und künstlerische Handschrift aufeinander treffen, kennzeichnet die eine Seite von Eva Borsdorfs künstlerischem Tun. Man könnte auch an ein Tagebuch denken, in dem sie das in der ästhetischen und kontemplativen Auseinandersetzung mit der Natur Erfahrene und Wahrgenommene präzise notiert.
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Von wesentlicher Bedeutung für Eva Borsdorf ist der Prozesscharakter der Kunst, der die Form einer Untersuchung annimmt. Wie ist Zeit im Kunstwerk erfahrbar? Wie Tiefe? Was kann Kunst bewirken? Kann Farbe als Funktion des Lichts verstanden Vorstellungen des Immateriellen und Geistigen transportieren? Wie zeigt sich Bewegung und Energie in an sich statischen Gegebenheiten?
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Ihre, auf die elementaren Medien Licht und Farbe, Linie, Helldunkel-, und Schattenwerte reduzierten Arbeiten, deren zentrales Thema der Raum ist, sind für den eiligen Besucher nicht geeignet. Nur derjenige, der sich auf ihre Werke einlässt und sich Zeit nimmt, wird hinter die Oberfläche schauen.

Heiderose Langer, 2008

 
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